1. Juni 2019

Das erste Jahr Medizinstudium

„Herzlich Willkommen im besten Studium der Welt“, hieß es letzten Oktober am ersten Tag der Einführungswochen. Die Worte kamen aus dem Mund des Anatomieprofs, genauso wie von den älteren Studenten. „Sie können sich wirklich glücklich schätzen!“

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Ich schätze mich immer noch glücklich, habe aber auch herausgefunden, dass mir trotz meiner Medizinbegeisterung nicht alle Themenbereiche gefallen müssen und mein Leben auch nicht ausschließlich aus Studieren bestehen sollte. Das ist auch okay und gut so.
Auch meine Lesevorlieben haben sich ein bisschen angepasst.


Die ersten Vorlesungen, noch auf Papier mitgeschrieben (inzwischen längst digital). Direkt gemerkt, dass manche Leute so viel mehr Wissen mitbringen als man selbst. Gemerkt, dass das Lerntempo in der Oberstufe hierzu quasi Schneckentempo war. Am ersten Tag in die Bib gerannt und sich verzweifelt mehrere Bücher ausgeliehen, wovon am Ende doch nur der Prometheus genutzt wurde. Herausgefunden, dass es im vierten Stock der Bib den schönsten Sonnenuntergang zu sehen gibt. Eine Führung über den Campus bekommen, gestaunt und in den folgenden Wochen manchmal die Orientierung verloren. Mehrere Verzweiflungskrisen und immer der Kommentar von älteren Semestern, dass die ersten Prüfungen halb so schlimm sind wie man sie sich vorstellt (das stimmt!). Glauben konnte ich in der ersten Woche bei einer simulierten Prüfung nicht, dass ich in bereits sechs Wochen die Geprüfte sein sollte. War ich aber.

Im Laufe der Zeit dann nicht mehr nur Anatomie, wobei der Präpkurs immer ein echtes Highlight für mich war und ist, sondern auch Physio, lauter Biochemiepraktika mit Eingangstestaten und schnell noch hingekritzelten Arbeitsprotokollen und langsam auch die ersten Klinikbegriffe und leider auch Histologie, meine persönliche Herausforderung. Viel Überforderung, viel Begeisterung. Neue Lerninhalte, neue Freunde. Alte Lernstrategien verworfen, neue herausgefunden. Neue Lebensretter wie Kaffee und Onlineportale wie Via Medici und Amboss. Neue Erfahrungen (ich bin im Dezember von Zuhause ausgezogen), gleichzeitig irgendwann das Gefühl, dass man jetzt gar nicht draußen sein dürfte, da man ja für die baldigen Prüfungen lernen müsste.
Biochemie-Praktika ;)

-

Das klingt jetzt alles sehr anstrengend. War es auch. Gleichzeitig aber auch so viel toller als Schule! Das letzte Jahr war das lernintensivste, aber beste meines Lebens! Es ist ein Privileg, dies alles lernen zu dürfen. Letzten Endes alles immer schaffbar, auch wenn es nicht so wirkt, als sei es so. Medizinstudenten sind Menschen, die alles über Menschen lernen und sie steigen nach dem Studium auch nicht zu Halbgöttern in weiß auf. Und wir haben auch Spaß (ich sag nur Medimeisterschaften) und sind nicht nur am Lernen, auch wenn ich mir dies immer noch beibringen muss, denn es ist so leicht, sich durch hysterische Gespräche mit Kommilitonen gegenseitig auf der Panikskala nach oben zu pushen.

Ich habe viel gelernt, auch über mich. Ich mache mir immer viel zu viel Stress und man wächst an seinen Aufgaben. Wenn ich lerne, wie viele Krankheiten durch einen schlechten Lebensstil ausgelöst werden - wenig Sport, ungesundes Essen etc. - dann löst das inzwischen das Verlangen in mir aus, meine Work-Life-Balance (noch ein Wort, das man gleich in der Einführungswoche beigebracht bekommt, zeigt ja die Wichtigkeit) zu optimieren. Man kann anderen Leuten helfen, darf dabei aber seine eigene Gesundheit nicht vergessen. Liebe neue Erstis, denkt daran, ich arbeite auch noch daran. Genießt die Zeit!

Wenn man mich heute fragen würde, ob mein Studium das beste der Welt ist, würde ich ja sagen. Ich habe die besten neuen Freunde gefunden, die mich verstehen und mögen, ich lerne tagtäglich etwas unglaublich Spannendes und bin (fast) immer dankbar dafür. Und dann gibt es noch die im Hamburger Modellstudiengang dank der früh eingebauten Klinik schnell auftretenden Glücksgefühle, wenn man allmählich merkt, dass das Lernen einen Sinn hat: das erste Mal selbst Blut abnehmen, in der Rechtsmedizin die Todesursachen der Menschen allein anhand ihres Körpers herausfinden, auf Röntgenbildern endlich mal nicht nur schwarz/weiß erkennen (genauso wie bei den roten Histobildern). Dieses Hochgefühl, das die Medizin vermitteln kann, ist unvergleichlich, genauso wie der Gedanke, dass ich später wirklich Menschen helfen kann mit dem, was ich tue.
Also - zukünftige Ersties - ich finde auch, dass es der beste Studiengang der Welt ist. Freut euch auf diese vor euch liegenden aufgeregenden Semester, die eventuell neue Stadt, die neuen Leute, die neue Unabhängigkeit, ... GENIEßT ES!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen